„Runter vom Gas“ (oder mit Vollgas gegen die Wand?)

Mein letzter Blogbeitrag ist zwar mehr als 10 Monate her – doch inhaltlich kann ich nahtlos an das damalige Thema anschließen.

Ich hab damals von unserem Urlaub in Süditalien berichtet und unter anderem folgende Passage geschrieben:

„Die Verschwendung von Ressourcen bei gleichzeitiger Zerstörung der Natur scheint buchstäblich uferlos! Ich fühlte mich in diesem Urlaub sehr oft an den Urlaub 2009 auf Istrien erinnert, als unsere damals noch kleinen Kinder mich ständig fragten, wer für den vielen Müll an den Stränden und im Meer verantwortlich ist. Meine ehrliche Antwort von damals müsste ich heute wiederholen: verantwortlich dafür ist, dass wir ein System der Verschwendung aufgebaut haben.

Dreizehn Jahre, zwei Bücher („Plastikfreie Zone“ 2012 und „Verschwendungsfreie Zone“ 2019) und zahlreiche Krisen später hat sich die Krise, die wir immer noch „Klimakrise“ nennen, zu einer existenziellen Bedrohung für unsere Zivilisation ausgewachsen.

Die Klimakrise ist längst auch eine massive Krise des gesellschaftlichen Klimas und der Achtung der menschlichen Würde geworden. Und spätestens seit Putin mit Krieg, Mord und Zerstörung die Ukraine heimsucht und Europa mit Gasverknappung erpresst, sollte eigentlich endgültig auch allen, die bisher die Realität verweigert haben, klar sein, dass es so wie bisher nicht weitergehen wird.

Die Veränderung hat längst begonnen, nur der Zeitraum, wo wir sie noch – zumindest teilweise – gestalten können, wird immer knapper.

Deshalb müssen wir „runter vom Gas“ – und zwar in jeder Hinsicht!

Überall dort, wo es schon in den letzten 30 Jahren passieren hätte sollen und jetzt aufgrund von Ressourcen – und Personalknappheit für viele zu langsam geht (wie zum Beispiel bei Umstellung von Heizsystemen und Dämmung von Gebäuden).

Überall dort, wo sinnlos Energie verschwendet wird, ohne dass irgendjemand einen Nutzen davon hat: exzessive nächtliche Beleuchtung von Einkaufszentren, Auslagen, öffentlichen Gebäuden und Straßenzügen, offene Kühlregale in Supermärkten, überheizte oder unterkühlte öffentliche Gebäude, Heizschwammerl, die im Winter die kalte Luft im Freien erwärmen …

Überall, wo durch den verschwenderischen Umgang mit Ressourcen völlig unbemerkt auch riesige Mengen an Energie verschwendet werden: alleine die Verschwendung von Lebensmitteln verursacht fast 12 Prozent des globalen Energieverbrauchs – da hat noch kein einziger Mensch irgendetwas gegessen, niemand einen Nutzen davon. Ähnliches gilt für Kleidung, Elektrogeräte und fast alles, was wir konsumieren.

Nicht zu vergessen, die unglaublichen Mengen an Verschwendung von „Grauer Energie“, die durch die mangelhafte Wiederverwertung von Baustoffen und die völlig unzureichende Rückgewinnung von Wertstoffen wie Metall, Glas, Plastik, …usw. täglich verursacht wird.

Und ja, auch dort, wo das „Gasgeben“ bisher – zumindest in Österreich – fast so was wie ein Statussymbol war – in der Mobilität – müssen wir runter vom Gas, wenn wir nicht mit Vollgas gegen die Wand fahren wollen.

In unserer aktuellen Kampagne „Energiesparmodus on“ haben wir all diese Themen gesammelt und versuchen, sie mit möglichst plakativen Beispielen zu untermauern.

Doch was das Thema Autofahren anbelangt, gab es Bedenken: Hand an die „heilige Kuh“ der Österreicher:innen zu legen (und sei es nur mit der sanften Ermutigung, einfach von sich aus etwas weniger Gas zu geben), würde einem selbst in Zeiten der exorbitanten Energiepreissteigerung, Dürrekatastrophen, Wasserknappheit und Flächenwaldbränden mitten in Europa einen digitalen Shitstorm oder Schlimmeres bescheren.

Und dann stellte sich natürlich auch noch die Frage: Dürfen wir darüber reden, ob es Sinn macht, durch weniger Tempo auf den Straßen und Autobahnen Energie und Geld zu sparen, obwohl es aktuell keine politische Mehrheit für eine verpflichtende Geschwindigkeitsbeschränkung gibt – und „unsere“ Energieministerin sie daher auch nicht „einfach verordnen“ kann?

Ich meine ja. Wir dürfen nicht nur, wir müssen sogar. Wir sind es uns selbst und unseren Kindern schuldig. Wir müssen endlich akzeptieren, dass es nicht nur die EINE, große Lösung für die Krisen unserer Zeit gibt, sondern dass wir alle ein Teil der Lösung sein müssen. Keine Technik, keine Innovation, kein neuer Treibstoff wird für sich alleine heilbringend sein. Es wird darauf ankommen, dass wir alle gemeinsam die Vorteile innovativer, technischer Lösungen auch entsprechend sparsam, effizient und sinnvoll einsetzen und vor allem aufhören, Energie und Ressourcen jeglicher Art sinnlos zu verschwenden.

Es ist wissenschaftlicher Konsens (und solange man nicht die Gesetzmäßigkeiten der Physik in Frage stellen möchte, wohl auch logisch), dass jedes km/h weniger, vor allem in Verbindung mit einem vorausschauenden Fahrstil, Energie, Geld und Ressourcen spart. (Hier könnten diverse Autofahrerclubs, allen voran er ÖAMTC möglicherweise noch ein wenig Nachhilfe gebrauchen.)

„Runter vom Gas“ ist deshalb zwar nicht DIE Lösung, aber es ist ein TEIL der Lösung – und das gilt sogar unabhängig von der Antriebsart und für fast alle Lebensbereiche. Unter anderem auch für die in letzter Zeit zunehmend polarisierten und radikalisierten politischen Debatten, die alles andere als lösungsorientiert und vertrauensbildend und damit Gift für die Gesellschaft und für die Krisenbewältigung sind.

In diesem Sinne ist „Energiesparmodus on“ und „Runter vom Gas“ weitaus mehr, als eine Klimaschutz – und Energiesparkampagne. Ich freu mich auf viel konstruktive Diskussion und über jede und jeden Einzelnen, der/die einfach mitmacht!

Ein Gedanke zu „„Runter vom Gas“ (oder mit Vollgas gegen die Wand?)“

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